Mythen über Erdbeben

Erdbeben entlockten den Menschen schon immer mythische Deutungen: Hier sah man göttlichen Willen – oder göttlichen Zorn – am Werk. In den potentiellen Erdbebengebieten in Griechenland und Vorderasien beschäftigten sich Philosophen, Denker und Geschichtsschreiber besonders intensiv mit der bedrohlichen Naturgewalt. Auch in der Bibel lässt Gott die Erde an dramatischen Stellen wackeln, zum Beispiel als Moses die Zehn Gebote empfängt oder als Jesus Christus am Kreuz stirbt. Das Erdbeben als göttliche Fügung – diese Interpretation war auch im europäischen Mittelalter wieder weit verbreitet.

Das Erdbeben in der griechischen Antike

Gerade die “alten Griechen” hatten ausreichend Grund, sich mit dem Naturphänomen Erdbeben zu befassen. Damals wie heute lag Griechenland in einer instabilen Zone der Erde, in der kleinere Erdplatten in Bewegung sind. Im Jahr 464 v. Chr. verwüstete ein Erdbeben die Stadt Sparta. 38 Jahre später folgte das nächste schwere Beben im Golf von Euböa (einer Meerenge in Mittelgriechenland). Seinerzeit löste das Beben einen zerstörerischen Tsunami aus. 373 v.Chr. war es ebenfalls ein Erdbeben-Tsunami, der die Städte Helike und Bura dem Erdboden gleich machte.

Als einer der ersten befasste sich der Philosoph Thales von Milet (etwa 624 bis 547 v.Chr.) mit den möglichen, natürlichen Ursachen für Erdbeben und suchte die Antwort nicht bei den Göttern. Obwohl Thales Theorie aus heutiger Sicht eine wilde Spekulation ist, war sie doch eine historisch wichtige Hinwendung zur Naturwissenschaft. Er glaubte, die Erde und das gesamte Universum würden wie ein Schiff auf dem Wasser schwimmen. Und wenn das Wasser wackelte, dann bebte nach Thales Ansicht auch die Erde.

In Thales Fußstapfen folgten weitere griechische Philosophen, die über die Natur von Erdbeben spekulierten. So mutmaßte Anaximander, ein Schüler von Thales, dass von unten (!) Luft in die Erdscheibe eindringt und Explosionen auslöst. Laut Demokrit entstehen Erdbeben dagegen, wenn große Wassermassen in Höhlen umherschwappen. Sehr populär wurde die Theorie von Aristoteles (er lebte 384 bis 322 v.Chr.), der eine Art unterirdischer Höhlenstürme für die bebende Erde verantwortlich machte.

Auch die griechischen Geschichtsschreiber mühten sich um die Deutung der Katastrophen ihrer Zeit. Der berühmte Historiker Herodot (etwa 480 bis 424 v.Chr.) glaubte rund Hundert Jahre nach Thales von Milet mehr an göttliche als an natürliche Ursachen: Er führte einen Tsunami auf das Wirken des griechischen Meeresgottes Poseidon zurück. Der Geschichtsschreiber Thukydides (etwa 454 bis 399 v.Chr.) erkannte schließlich, dass ein Erdbeben für den Tsunami von Euböa verantwortlich war.

Japanische Mythologie

Ein anderes, klassisches Erdbebenland ist Japan. Daher wundert es nicht, dass auch hier vorwissenschaftliche Ideen über Erdbeben entstanden. Ein bekannter japanischer Mythos spricht von einem riesigen Drachen , der das Erdinnere bewohnt. Ist der Drache schlecht gelaunt, schüttelt er sich und erzeugt auf diese Weise Erdbeben. Außerdem speit er Feuer und setzt die Erde in Brand (was die Vulkanaktivität erklären würde).

Ein zweiter japanischer Mythos berichtet von einem gigantischen Fisch: Der Riesenwels namens “ō-namazu” lebt im Schlamm unter der Erde und kann die Welt ins Wanken bringen. Sein Gegenspieler ist die alte Gottheit Kashima Daimyōjin, die dem Wels mit einem magischen Felsen Einhalt gebietet. Der Felsen wird in Japan noch heute mit einem Schrein (einem heiligen Ort) verehrt.

Auch in Indien waren es Tiere, die für Erdbeben verantwortlich gemacht wurden. Laut indischer Mythologie ruht die ganze Welt auf den Rücken von acht Elefanten (den so genannten Diggajas). Wenn sich einer der Elefanten einmal ausruht, wackelt die Erde…